Koko la Douce|©stagetime.ch

11. - 14. April 2019 Internationales Burlesque Festival Hamburg

Zum dritten Mal fand in der Prinzenbar und dem Grünspann auf St. Pauli das Int. Hamburg Burlesque Festival statt. 

 

An den drei Abenden war das grosse Spektrum des Burlesque zusehen. 

 

11. April 2019 The Opium Den

 

Der Eröffnungsabend in der Prinzenbar stand unter dem Motto «The Opium Den» und war ein berauschendes Fest im kleinen Rahmen, mit sieben Künstler/Innen. Der internationale Cast wurde von Eve Champagne, einem echten St. Pauli Kind, mit dem viel Charme präsentiert. 

Es macht einfach immer wieder Spass, Eve zu zuhören wie sie über die Kunst des Burlesque, aber auch über die historischen Entwicklungen erzählt. Als Mitglied der Olivia Jones-Familie kennt sie den Kietz und seine Geschichte sehr gut. Genau so wie ihr als aktive Burlesque-Performerin die Szene ebenfalls sehr vertraut ist. 

Eve Champagne_©stagetime.ch

Um noch ein wenig Schleichwerbung zu machen, Eve ist jeweils am Wochenende im Bunny Burlesque Club auf der Grossen Freiheit zu sehen und auf jeden Fall zu hören. 

Wer sich für Burlesque interessiert und zugleich auch gerne selber das Tanzbein schwingt, ist in dem Club sehr gut aufgehoben. 

 

Eves «zartes Stimmchen» wurde zu Beginn der Show wegen technischen Problemen ein wenig strapaziert. So musste sie die Magenta Mermaids, eine Gruppe Tänzerinnen von der Berlin Burlesque Academy und die ersten Künstlerin des Abends, ohne Mikrophon ansagen. Danach wusste jede/r in der mit geschätzten 150 Personen ausverkauften Prinzenbar, dass Ginevra Joyce auf der Bühne steht. Die Italienerin aus Rom zeigte eine energiegeladene Performance. Klassische Elemente wie Federschmuck durften genau so wenig fehlen wie die lasziven Bewegungen, die man vom modernen Neo Burlesque kennt.

Ginevra_Joyce_©stagetime.ch

Für den oben erwähnten Bunny Burlesque Club suchte Deutschlands bekannteste Drag Queen, Olivia Jones, Eve Champagne als Art Director des Clubs und zwei weitere Jury-Mitglieder Burlesque-Performerinnen, die regelmässig auftreten. Bei Setty Mois aus Hamburg war es Liebe auf den ersten Blick. Sie bringt mit ihrem eleganten Auftreten und einer unwiderstehlichen Ausstrahlung alles mit, was eine Burlesque-Tänzerin ausmacht. Kein Wunder, durfte die Newcomerin auch auf dem Festival ihr Können präsentieren. Es wurde nicht zu viel versprochen, Setty Mois war eines der ganz grossen Highlights an diesem Abend. Man fragte sich wieso sie nicht schon viel früher entdeckt wurde. Ihre klassische Performance beeindruckte mit einer selten gesehen Präsenz. Da stimmte bereits alles bis ins Detail. 

 

Gespannt war ich auf die mexikanische Künstlerin Teresa Rugo. Mexiko ist bekannt für Bunte Kostüme und ihren Totenkult, eine sehr interessanter Teil der mexikanischen Kultur. 

Ein Totenschädel durfte bei ihrem sehr politischen Act nicht fehlen. Natürlich waren Donald Trump und seine unnötige Mauer ein Thema, das Teresa aufgriff. Zu Beginn hörte man Trumps Rede, das von mexikanischer Seite nur Kriminelle und Drogen in die USA kommen würden. Man kennt diese Geschichte, deshalb gehe ich nicht näher drauf ein. Der Totenschädel mit den blonden Haaren musste jedenfalls bei ihrer Performance recht unten durch, sehr zur Freude des Publikums.

Teresa_Rugo|©stagetime.ch

Ein internationales Festival ohne Schweizer beteiligung ist schon eine Seltenheit geworden und das macht mich schon ein wenig stolz. An diesem Abend war es Liu Boheme aus Zürich, die mit einem sehr unterhaltsamen Act den meisten Applaus des Abends erntete. 

Als asiatischer Karate Kampf-Nerd kam sie auf die kleine Bühne und startete ihren zu Beginn langsamen Act. Die Tanzlehrerin, sie unterrichtet unter anderem Burlesque und Hip Hop, hatte aber mehr zu bieten und so wurde aus dem Kampf-Nerd plötzlich eine Hip Hop-Tänzerin, die mit einer unbändigen Energie das Publikum mitriss. Liu Boheme überrascht und wurde mit Jubelschreihen und viel Applaus gefeiert. 

Mit Dolly Trolley aus England stand eine Drag Queen auf der Bühne, die ebenfalls für gute Unterhaltung sorgte. 

Lola La Tease (UK) und Miss Mistress (UKR) komplettierten den kleinen, feinen Cast.

Dann war der erste Abend schon wieder vorbei. Es war ein perfekter Einstieg ins Festival, so dass man die weiteren Shows kaum erwarten konnte.

Freitag 12. April 2019 

 

Was machen eigentlich Künstler/Innen und Besucher/Innen den Tag durch an einem Festival?

Co-Veranstalterin Marlene von Steenvag bietet beispielsweise zusammen mit ihrer Berlin Burlesque Academy immer ein vielfältiges Angebot an Workshops zu verschiedenen Themen an. Ein ganz besonderer Workshop war der von Ivizia Dakini, einer amerikanischen Feuerkünstlerin. 

Mit etwas Verspätung, (10:30 Uhr ist einfach zu früh wenn man die Nacht vorher noch den Kietz unsicher macht) erreichte ich das Lokal. Iviza erklärte gerade die ersten Schritte zum Feuerschlucken. Die Stimmung unter den Teilnehmerinnen war sehr entspannt. Ss wurde mit viel Eifer mit gemacht und sich gegenseitig angefeuert. Als aussenstehender Beobachter war es beeindruckend zu sehen, wie die Frauen mit dem Element Feuer mit einer Selbstverständlichkeit umgingen. 

Die meisten der Teilnehmenden gingen nach dem Workshop mit dem Taxi gleich zum nächsten Workshop. Ich zog mich ins Hotel zurück. 

Am späteren Nachmittag war in der Boutique Bizarre (Europas grösster Erotikshop) die Vernissage mit gezeichneten Bilder von der Künstlerin Sherin L’artiste aus Hamburg. Die Kunstwerke zeichnet Sherin während der Show. So wird jedes Bild zu einem grossartigen Einzelstück. Einen Einblick in ihre Kunst findet man auf ihrer Website: sherin.info.

In lockerer Atmosphäre hatte man zudem die Gelegenheit mit den Künstlerinnen zu sprechen. 

Danach war es schon wieder Zeit, sich für die zweite Show unter dem Motto «The Black Circus» bereit zu machen. 

The Black Circus

Das Grünspan, ein rustikaler Saal mit maximal 1’500 Plätzen, war bereits einige Wochen im voraus ausverkauft. Auf das bunt gemischte Publikum wartete eine ebenso bunte Mischung aus Acts, die mehrheitlich aus dem Neo Burlesque kommen. Ein wenig freakig, manchmal etwas grotesk, aber immer mit grossem Unterhaltungswert wurde man mit zwölf hochkarätigen internationalen Acts verwöhnt. Durch den Abend führt mit Sheila Wolf eine Drag Queen, die meinen Leser/Innen sehr bekannt ist, da ich schon oft über sie berichtete. Ich kann mich also nur wiederholen, Sheila machte einen Super Job! Mit ihrem berliner Charme hatte sie das hamburger Publikum genauso schnell auf ihrer Seite wie in Berlin, Zürich, oder Bern. 

Sheila_Wolf|©stagetime.ch

Bei so vielen Künstler/Innen weiss ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Jeder Act war auf seine eigene art ein Highlight. Zum Beispiel Koko la Douce mit ihren Ping Pong-Bällen die, so meinte man, aus allen Körperöffnungen geflogen kamen. Die Schweizer Schauspielerin legte eine zum einen energiegeladene Burlesque-Nummer auf die Bühne, würzte sie zusätzlich aber noch mit vielen Clown Jonglage-Elementei. Die gebürtige Winterthurerin überzeugte bei diesem horrenden Tempo mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Die Messlatte setzte sie jedenfalls für diesen Abend auf ein neues Niveau. Gut war nach ihr die erste von zwei Pausen. Koko und auch die anderen Künstler, Amber Eve, Scarlet Blixen, Drag Queen Eileen Bothway, und Seedy Frills mit einem grossartigen Clown-Act forderten das Publikum schon zu Beginn. 

 

Duette gibt es selten im Burlesque, das deutsche Duo The Burly Birds tritt allerdings nur im Doppel auf. Die beiden bewegen sich sehr synchron. So richtig begeistern konnten mich die Beiden nicht. Gegenüber den anderen Acts war mir das schon zu einfach. 

 

Da konnten mich die Motion Mill mit ihrem Cancan, ein schneller französischer Tanz von Jaques Offenbach’s Operette «Orpheus in der Unterwelt» im 2/4 Takt, der in Paris entstand, mehr begeistern. Bei dieser Gruppe war auf der Bühne einiges los, so dass man sich schon ein wenig ins pariser Moulin Rouge versetzt fühlte. Das war eine erfrischende Tanzeinlage, die Spass machte. 

Motion_Mill|©stagetime.ch

Eigentlich mag ich das Wort Horrorclown nicht. Aber dem Stephen King Roman «ES» ist wohl zu verdanken, dass es nicht nur lustige, akrobatische und poetische Clowns gibt, sondern eben auch solche die einem das fürchten lehren wollen Der Kanadische Boylesque-Performer Seymour Bottoms war so einer. Zuerst war sein Kopf in einer Kiste, aus der er sich befreite. Je mehr er von seinem Kostüm ablegte, desto mehr wurde aus dem Horror Clown einer, den man gerne auch im Zirkus sehen möchte. Besonders lustig waren die beiden grossen Kulleraugen auf seinen Po-Backen. Je nach Bewegung drehten sich sogar die Pupillen. Seymour Bottoms war sicher einer der besten und über den ganzen Cast an diesem Abend ein Highlight. 

 

Ivica Dakini kam natürlich nicht nur wegen eines Workshops nach Hamburg. Sie war einer der ganz grossen an diesem Festival. Ihr Auftritt im Grünspan war am ersten Abend einer der lustigsten. Auch sie kam als Clown auf die Bühne. Für den zweiten Teil ihres Acts hatte sie eine Jesus-Puppe dabei und zum Musicalklassiker «Jesus Chris Superstar» trieben die beiden ein nicht ganz jugendfreies Spiel auf der Bühne, begleitet vom lachenden und applaudierenden Publikum. Sheila Wolfs Kommentar, «Ich hab mir dahinten gerade den Arsch abgelacht», traf es perfekt auf den Punkt.

Ivica Dakini|©stagetime.ch

Weitere Künstler/Innen: Tara D’Arson, Queen Swan, Betty Fuck und Freya West 

Samstag 13. April 2019 Grand Palace

 

Der letzte Abend des Hamburg Burlesque Festival gehört dem Glamour, der Eleganz und bis auf ein paar Ausnahmen, der Weiblichkeit. 

Geplant war, dass der Engländer Desmond O’Connor zusammen mit Raketenmieze vom schönen Bodensee durch den Abend führt. Leider hatte Desmond ein Problem am Flughafen und konnte nicht in die Hansestadt reisen. Morgens um 8:00 Uhr erfuhr deshalb Raketenmieze noch im Halbschlaf, dass sie den Gala-Abend alleine moderieren muss. Die Aufgabe meisterte sie wie ein alter Profi. Frisch von der Leber unterhielt sie das Publikum, sorgte immer wieder für lautes Miauen, äähh Lachen im Grünspan. Dass sie vor dem Auftritt nervös war, merkte man keine Sekunde. Ich hätte ihr kurz vor dem Finale ein Bier gegönnt, leider bekam sie nur ein Imitat aus Holland ... 

Raketenmieze|©Stagetime.ch.jpg

Der Cast versprach eine Show der Extraklasse, man könnte auch von der Champions League des Burlesque reden. Meka la Creme (USA), Chris Oh! (NZ),Triomphe de Femme (UK) und natürlich Marlene von Steenvag. Ihr und Else Edelstahl hat man dieses wunderbare Festival zu verdanken. 

Mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz füllte Marlene bei ihrer Performance nicht nur die Bühne, sondern den ganzen Saal aus. Sie spielt mit einer Leichtigkeit mit dem Publikum, bis sie als Höhepunkt in ein übergrosses Champagnerglas stieg, um dort im prickelnden Traubensaft ein kurzes Bad zu nehmen. Es ist immer auf's neue beeindruckend, Marlene auf der Bühne zu sehen. 

Marlene von Steenvag|©Stagetime

Bei all dem Glamour und der Eleganz war der Deutsche Harden Reedy eine willkommene Abwechslung. Sein Pinocchio-Act war sehr gut choreografiert und hatte mit der langen Nase eine feine humoristischen Pointe. 

 

Weitere Künstler: Ginger Synne (GER), Freya West (USA),Golden Treasure (GER), Holly’s Good (IT), Ivizia Dakini (USA), La Petite Mort (IRE), La Rubinia (GER) und Silly Thanh (CH)

©Stagetime.ch

The Grand Palace war der Höhepunkt eines Burlesque Festival, das über drei Tage gesehen nahezu perfekt war. Ein enthusiastisches Publikum, das gut mitmachte, herausragende Künstler/Innen, die viel kreative Kunst präsentierten, waren an allen drei Abenden ein Erlebnis.

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